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Was im Laufe der Jahre so aus meiner Feder floss

Uncle Bob

My Uncle Bob had been one of the most interesting persons I ever knew, although he kept saying the only interesting thing about him was his nose.
And, thinking about it, Uncle Bob’s nose had been a distinctive feature of his face.
His nose had been big.
And when I say big, I really mean big.
Not that Uncle Bob ever had a problem with the size of his nose.
He had been quite content with his life.
And with his nose.
He had been a tall man, never without a cigar.
He used to say that the Lord had given him a big nose to smell the wonderful scent of a havanna. And to show the Lord that he appreciated this gift of a big nose, he smoked double coronas.
His cigars had been as big as his nose.
He also used to say that his nose was the only reason why they had come down and taken him with them. They had eventually discovered that he was of no use to them and had allowed him to leave.
But they had wanted his nose.
Not that he would ever have given his nose to them.
A man without a nose is not complete.
And you can say what you like about my Uncle Bob, but he definitely had a point there.
A man without a nose is not complete.
But anyway, Uncle Bob said, they had come down and taken him with him.
He said it all started like a dream. He had not realised at first what was happening to him. Besides, mind you, he had just come home from the pub, and maybe he had been drunk. He said he couldn’t remember.
And then, suddenly there had been this light, and he found himself in a room, not being able to move, lying on a table, and there they were.
Standing around him, pointing at his nose, and although he had not understood a word of what they were saying, he was sure that the only thing they wanted was his nose.
His nose – he was so proud of his nose, he said, and he wouldn’t let them take it away from him. So he pretended to fall asleep, and the next morning, he woke up in his own bed, his nose still with him and everything seemed to be alright.
But anyway, Uncle Bob said, since they had come and taken him with them, he was able to hear strange sounds and noises and he was sure that it was them talking about him and how they’d finally manage to get hold of his nose.
Interestingly enough, Uncle Bob only heard these sounds and noises when he was really drunk, and so we all thought he’d made it up.
It was a good story, though, and it helped me come to terms with the fact that my nose was almost as prominent as Uncle Bob’s. I sometimes even suspected that he was my father and that the man whom I knew as my father had just been a bystander. But never mind.
Uncle Bob had been a great story-teller in his time, and when he died, I missed him terribly.
Saturday nights in the pub never were the same again since he had died, and although sometimes jokes were told about him and his nose, it slowly died away.
And then I went away.
I left home to start work somewhere else, and I took my big nose with me.
Every morning, when I looked in the mirror, I thought of Uncle Bob and his aliens, and it put a smile on my face.
I was grateful that Uncle Bob had let me participate in his story.
One night, I went to bed early.
I felt very tired, and I fell asleep the very moment my head touched the pillow.
I dreamed.
I dreamed of a light, that suddenly appeared in my bedroom, and I dreamed of a spaceship.
I dreamed of weird creatures standing around me, talking about my nose.
And in my dream, I thought of Uncle Bob and was not afraid.

But when I tried to wake up and open my eyes, I suddenly realised that Uncle Bob had been right all the time.

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Rauhnächte

Nie werde ich
den bangen Blick
meiner Großmutter
vergessen

als ich
in meiner jugendlichen
Unbeschwertheit

irgendwann
zwischen Weihnachten
und Dreikönig

die schönen weißen
Festtagstischdecken

in die Waschmaschine steckte
und sie
wusch.

Kind!
sagte die Großmutter
und ihre Stimme
zitterte.

Weißt du nicht?
Dass in den Rauhnächten
das Tor
zwischen den Welten
weit offen steht?

Dass sich in der Wäscheleine
die wilde Jagd
verfängt
und dass das weiße Tuch
zum Leichentuche
wird?

Ach Oma!
Noch ‘n Schnäpsken.
Noch ‘n Punsch
Zum Bersten gefüllte Kühlschränke
und Bäuche.

Kein Wunder,
dass mancher da Gespenster sieht.

Obwohl…
wenn der Wintersturm
sein einsames Lied
singt

und die Scheunentür
leise knarrt

könnte man schon
annehmen…

Ach nein.

Und die Kerzen
flackern.

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Der Liebesbrief

Heute mal wieder eine kleine Geschichte – Menschen mit zartem Gemüt oder ohne Sinn für den Wahnsinn des Lebens lesen bitte vorsichtig. Es geht nicht um Romantik und Blümchen 😉

“Gestern wäre ich in der Stimmung gewesen, einen zu schreiben. Ich habe es nicht getan. Warum, weiß ich nicht. Ich war so richtig schön melancholisch geworden nach der Lektüre dieses Buches, in dem es um Liebe ging, und niemand war getrennt von seinem Liebhaber, so wie ich. Ich hätte mich wirklich hinsetzen sollen, und einen Liebesbrief schreiben. Denn heute fällt es mir ziemlich schwer, mich wieder in diese Stimmung hineinzuversetzen. Warum eigentlich? Ich meine, wenn ich gestern genauso stark verliebt war wie heute, das heißt, wenn ich heute immer noch so stark verliebt bin wie gestern, sollte das doch eigentlich ein Leichtes für mich sein. Bedeutet die Tatsache, daß ich heute nicht in der Stimmung bin, einen Liebesbrief zu schreiben, daß ich nicht mehr liebe? Daß ich nicht mehr so sehr liebe wie gestern? Daß die Liebe etwas Vergängliches ist?
Gut, daß die Liebe vergänglich ist, bleibt eine Tatsache. Niemand liebt ständig und mit der gleichen Intensität. Oder doch?
Wenn das so wäre, dann gäbe es keine Anwälte, die sich auf Scheidungen spezialisiert haben.
Ich hätte wirklich gestern versuchen sollen, einen Liebesbrief zu schreiben. Ich habe ja wirklich lange genug darüber nachgedacht, ob ich es tun sollte, aber warum ich es letztendlich nicht getan habe, kann ich mir nicht erklären.
War es Faulheit?
Wenn man zu faul ist, einen Liebesbrief zu schreiben, liebt man dann nicht genug?
Welche Leute schreiben eigentlich Liebesbriefe?
Was ist ein Liebesbrief?
Muß ein Liebesbrief immer eine wirkliche Liebeserklärung enthalten, so mit vielen Beteuerungen, die sich immer um das Wort Liebe ranken? Kann ein Liebesbrief nicht auch einfach ein Brief an den Liebsten sein, an den man einfach einen besonderen Satz anfügt, wie „Ich liebe Dich”.
Aber ist dieser Satz wirklich noch so besonders?
Die meisten Leute verwenden ihn ja fast schon, ohne darüber nachzudenken.
Ich sehe mich außerstande, heute einen Liebesbrief zu schreiben.
Natürlich, wenn ein Liebesbrief einfach nur die Worte „Ich liebe Dich” enthalten soll, dann ist es einfach.
Aber wenn es mehr sein soll, wenn man mehr Poesie haben möchte, mehr Romantik, dann wird es schon schwieriger.
Gestern wäre ich in der Stimmung gewesen.
Heute ist es zu spät.
Überhaupt etwas Seltsames, so ein Liebesbrief.
Muß er mit Tinte geschrieben werden, und einem Füllhalter von guter Qualität? Genügt Bleistift? Darf es etwas so profanes wie ein Kugelschreiber sein? Oder hat die Farbe eine Bedeutung?
Rot.
Rot wie die Liebe, so sagt man.
Rot wie Blut.
Davon hätte ich ja genug.
Jeder Mensch besitzt einige Liter.
Wie viel es wirklich ist, weiß ich erst seit heute.
Was mußtest Du auch in mein Küchenmesser laufen.
Noch dazu, wo es auf der Höhe Deines Bauches war.
Du hättest ja daran vorbeilaufen können.
Aber Du schienst auch wissen zu wollen, wieviel Blut Du in Dir hast.
Und Briefe wolltest Du von mir, Briefe, in denen ich Dir von meiner Liebe erzählte.
Gestern, ja, gestern hätte ich einen solchen Brief schreiben können.
Da warst Du weg, da war es schön, von Dir zu träumen, und Dich so zu machen, wie du nie gewesen bist.
Ich hätte Dich gerne anders gehabt.
Jetzt habe ich Dich gar nicht mehr.
Du sagst nichts.
Ich glaube, Du bist tot.
Erwartet ein Toter einen Liebesbrief?
Erwartest du immer noch, daß ich Dir einen schreibe?
Du hast immer viel von mir erwartet.
Ich glaube, ich hätte Deine Erwartungen nie erfüllen können, selbst wenn ich es gewollt hätte.
Ich wenigstens habe nicht versucht, Dich zu ändern. Ich habe immer nur geträumt, wie du sein könntest.
Aber glaube mir, ich habe nie davon geträumt, Dich so zu sehen.
Zusammengekrümmt auf dem Küchenfußboden.
Wer putzt eigentlich die Schweinerei weg?
Natürlich, das muß ich wieder machen.
Zum Scheidungstermin hätte ich ja auch erscheinen sollen, da ging es auch nicht ohne mich.
Aber ich bin nicht gekommen.
Scheidung.
Also wirklich.
Du hast Dich bei jemand anderem beschwert über mich.
Hast gesagt, ich sei verrückt.
Daß ich nicht lache.
Du hast doch nicht im Ernst geglaubt, daß ich zu diesem Termin gekommen wäre? Ich habe doch noch nie Termine eingehalten.
Das hast Du mir oft genug vorgeworfen.
Und jetzt?
Meine Güte, was soll ich jetzt nur machen?
Irgend jemand wird mir wieder Fragen stellen, die ich nicht beantworten will.
Dumme Fragen.
Solche Fragen, wie:
Warum schreibst du mir eigentlich keinen Liebesbrief?
Warum eigentlich?
Hier hast Du ihn.
Hoffentlich bist Du jetzt zufrieden.”

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Kleines Jubiläum

Heute vor einem Jahr habe ich hier den ersten Beitrag geschrieben.
Viel ist in diesem Jahr passiert, ich habe einiges veröffentlicht, vieles verworfen, habe Spaß am Schreiben gehabt und manchmal auch überhaupt keine Lust.

Über jemanden, der keine Lust zum Schreiben hat, habe ich im Herbst 1999 mal geschrieben.
Hier ist die Geschichte der Schreibblockade.
Viel Spaß beim Lesen!

“Es ist mal wieder Zeit für eine neue Geschichte, sagte sein Verleger.
Warum schreibst du eigentlich nicht mehr? sagte seine Frau.
Ich vermisse das Klappern der Schreibmaschine, sagte sein Sohn.
Ich brauche neue Schuhe, sagte seine Tochter.
Trink noch einen, sagte sein Zechkumpan.
Man hat schon lange nichts mehr von ihm gehört, schrieb sein schärfster Kritiker.
Warum schreibst du mir keine Briefe mehr? beschwerte sich seinen Mutter.
Früher hast du jeden Tag geschrieben, stellte sein Freund fest.
Wir werden steif! meldeten seine Finger.
Ich werde löchrig, stöhnte sein Gehirn.
Und er bekam Kopfschmerzen.
Jeden Morgen, wenn er aufstand, sah er das erwartungsvolle Gesicht seiner Frau.
Vielleicht könntest du dich heute mal wieder ins Arbeitszimmer an die Schreibmaschine setzen, sagte sie und stellte ihm eine Tasse Kaffee hin. Ich sorge auch dafür, daß du nicht gestört wirst.
Ruhe bitte.
Keine Störung.
Hier sitzt ein kreativer Kopf.
Hier, genau hier, bei der Arbeit.
Bei der Arbeit.
Vor langer Zeit traf das zu.
Aber jetzt, jetzt konnte er nicht mehr.
Er schaffte es einfach nicht, ins Arbeitszimmer zu gehen, wo die Schreibmaschine auf ihn wartete.
Hunderte von Seiten waren noch nicht geschrieben.
Wir müssen über Ihr Konto sprechen, sagte der Sachbearbeiter bei der Bank und seufzte.
Stell dich nicht so an, Papa. Du bist ja wie ein kleines Kind, warf seine Tochter ihm vor, und fügte hinzu, daß sie unbedingt neue Schuhe brauche.
Die Schreibmaschine sah ihn anklagend an, wenn er die Tür zum Arbeitszimmer einen Spalt aufmachte. Sie stand auf dem Schreibtisch, und ein weißes Blatt Papier war bereits eingespannt. Wartete auf ihn.
Machte sich über ihn lustig.
Hielt ihm einen Spiegel vor.
Sieh nur, so leer wie ich sind deine Gedanken.
Du hast keine Ideen mehr.
Du hast keine Energie.
Dein kreativer Brunnen ist versiegt.
Du lebst in einer Wüste, keine Oase weit und breit.
Vielleicht solltest du dir eine Mätresse zulegen, schlug sein Saufkumpan vor.
Wann hattest du zum letzten Mal Verkehr? fragte sein Freund und wurde rot.
Herr K., Ihr Vertrag sieht vor, daß Sie uns regelmäßig etwas vorlegen, mahnte sein Verleger.
Damit wir es verlegen können.
Er schien seine Kreativität verlegt zu haben.
Wenn er nur wüßte, wo er sie hingelegt hatte.
Die Kopfschmerzen wurden stärker.
Das, was er als letztes geschrieben hatte, hatte alles bisher dagewesene in den Schatten gestellt.
Er würde nie mehr etwas so Geniales zu Papier bringen können.
Überhaupt war er doch nur ein Stümper.
Wußte nicht viel vom Handwerkszeug eines Schriftstellers.
Kannte sich in der Weltliteratur nicht aus.
Hatte nur irgendwann beschlossen, daß Schreiben Spaß machte, mehr Spaß, als jeden Tag in ein Büro zu gehen und sich mit Sachen herumzuärgern, die ihn nicht interessierten.
Und es war so einfach, anfangs zumindest.
Die Ideen kamen, manchmal mehr, als ihm lieb waren.
Dann sammelte er sie in einem Heft, und wenn er eine benutzt hatte, strich er sie aus.
Es gab bald keine neuen Ideen mehr in seinem Heft.
Und er fragte sich, ob er während all dieser Jahre das Falsche getan hatte, ob sein Traum in Wahrheit nicht etwas ganz anderes gewesen war, als hauptberuflich zu schreiben.
Aber was?
Er wußte, wenn er herausfand, was es war, dann würden seine Probleme gelöst sein.
Aber du wolltest doch Schriftsteller sein, seit ich dich kenne, wunderte sich seine Frau und führte ihn zum Arbeitszimmer.
Setz dich wenigstens hin und brüte an deinem Schreibtisch. Dann muß ich nicht immer dein nachdenkliches Gesicht sehen.
Und er setzte sich an seinen Schreibtisch und starrte aus dem Fenster.
Schon wieder war es Herbst.
Als er das letzte Mal hier gesessen hatte, war es auch Herbst gewesen, aber das war schon viele Monde her.
Ach ja, der Mond.
Ein Gefährte in einsamen Nächten, wenn er nicht schlafen konnte, und wenn seine Finger sich weigerten, die Schreibmaschine zu berühren.
Vielleicht würde ihm ein Computer helfen.
Als er ging, um einen Computer zu kaufen, hielten ihn alle für endgültig übergeschnappt.
Wozu brauchst du einen Computer, wenn du eh nicht arbeitest, fragte seine Frau.
Können wir im Internet surfen? wollten seine Kinder wissen.
Aber er schloß sich im Arbeitszimmer ein.
Der Bildschirm starrte ihn an, und er starrte zurück.
Stundenlang.
Was hatte er als Kind werden wollen?
Er konnte sich nicht erinnern.
Geh doch mal zum Arzt, riet ihm sein Freund.
Herr K., wir warten auf Nachricht von Ihnen, schrieb sein Verlag.
Sie wurden langsam ungeduldig, alle wurden ungeduldig.
Und auch seine Kopfschmerzen wurden ungeduldig.
Wozu sind wir eigentlich da, schienen sie zu fragen.
Wir können dich nicht mehr quälen, du hast dich schon zu sehr an uns gewöhnt.
Und sie verschwanden.
Zunächst vermißte er sie, aber dann wandte er sich anderen Dingen zu.
Er wollte die Löcher in seinem Gehirn flicken.
Er mußte herausfinden, was der Traum seiner Kindheit gewesen war.
Er suchte den Traum seiner Kindheit im Internet.
Seine Frau beschwerte sich über die hohe Telefonrechnung, aber er wurde von einer seltsamen Zufriedenheit erfüllt.
Er fühlte sich gut.
Und manchmal meinte er, ein bißchen von der Energie zu spüren, die er noch vor einem Jahr in sich gehabt hatte.
Als er ein Junge gewesen war, hatte man gerade mit der Entwicklung von Computern begonnen, und nun war es schon so weit gekommen, daß selbst Laien eine solche Maschine bedienen konnten.
Er holte sich Bücher über Computer aus der Bibliothek.
Er las stundenlang und vertiefte sich in Schaltpläne.
Er redete mit seinem Computer.
Seine Frau schlief im Gästezimmer.
Trink noch einen, sagte sein Saufkumpan, nun sei doch nicht so.
Ist der Computer wichtiger als ich? wollte sein Freund wissen.
Der Computer war da, wann immer er ins Arbeitszimmer kam.
Er wollte ihn beherrschen, er wollte der Sieger sein.
Genauso, wie er Worte beherrscht hatte.
Er begann, den Computer zu programmieren.
Ich hätte nicht gedacht, daß du das kannst, wunderte sich seine Frau.
Mein Vater kann Computer programmieren, erzählte sein Sohn seinen Freunden.
Kaum zu glauben, was diese Maschine aus dir gemacht hat, sagte sein Freund.
Wir stellen Ihnen hiermit ein Ultimatum, schrieb der Verlag.
Eines Morgens wachte er auf und verspürte einen unwiderstehlichen Drang, das Textverarbeitungsprogramm aufzurufen.
Er begann zu schreiben.
Er schrieb von den verlorengegangenen Träumen eines kleinen Jungen.
Seine Frau begann, sich wieder Sorgen zu machen.
Er hatte kaum Zeit zum Essen.
Seine Finger taten ihm weh, und dennoch konnte er nicht aufhören.
Eine unsichtbare Macht hielt ihn fest, zwang ihn zu schreiben.
Und er genoß es.
Er genoß es wie noch nie zuvor in seinem Leben.
Sein Kindheitstraum hatte sich zurückgezogen und ließ ihn in Ruhe.
Die Worte fanden wieder den Weg zu ihm und sein Verleger schrieb enthusiastische Briefe.
Sein Sachbearbeiter bei der Bank sprach wieder mit ihm.
Sein Freund kam wieder regelmäßig vorbei und kommentierte den Fortgang der Arbeit.
Und sein Saufkumpan schmiß eine Runde nach der anderen.
Danke für die neuen Schuhe, sagte seine Tochter.
Möchtest du noch einen Schluck Kaffee? fragte seine Frau.
Und er fragte sich, ob er noch normal war.”

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Musik zum Wohlfühlen und Nachdenken

Einer meiner Lieblingsliedermacher (wenn ich ihn denn so nennen darf) ist Wolfgang Buck (http://www.wolfgang-buck.de)
Als echdder Frangge spielt er hauptsächlich dort, aber manchmal fährt er ein Stück weiter und gibt ein Konzert in Hessen. Und dann bin ich dabei.

Zu Franken und dem fränkischen Dialekt habe ich ein besonderes Verhältnis. Es ist schwierig zu erklären, wo meine Heimat tatsächlich ist, so oft bin ich umgezogen in meinem Leben, aber Franken ist und bleibt Teil meiner Heimat und auch Teil meiner Geschichte. Ich mochte die Lieder von Wolfgang Buck, seit ich ihn vor vielen Jahren das erste Mal in Bayreuth im Gemeindehaus erlebte, als er noch als singender Pfarrer angekündigt war. Frömmelnd waren und sind seine Lieder nie, die Lieder, die vom Glauben oder von der Hoffnung handeln, sind einfach nur voller Poesie und Zuversicht, und manchmal auch, wie das im Leben ist, spürt man auch ein wenig Zweifel.

Dann gibt es kritische Lieder in Wolfang Bucks Repertoire, Lieder, die Fragen stellen, Lieder, in denen er unbequeme Wahrheiten besingt.

Und dann gibt es diese wunderbaren, wahren, überzeichneten, liebevollen und warmen Lieder übers fränggische Leben, die ich so mag, und die für mich immer ein Stück Zuhause spiegeln, auch wenn der Dialekt, den ich spreche, wenn mir nach Fränggisch ist, ein klein wenig anders ist als der vom Wolfgang Buck.

Warum ich das alles schreibe? Weil es jetzt eine neue CD gibt, an der ich mich nicht satthören kann, und weil der Wolfgang Buck einer der besonderen Menschen ist, der auch schwierigen und angstmachenden Themen wie Depressionen, Krankheit und Sterben ein Gesicht und eine Geschichte gibt und weil es wichtig ist, dass auch diese Geschichten erzählt und besungen werden.

Die Lieder sind übrigens auch für Nichtfranken bis auf wenige Ausnahmen gut verständlich. Wer mal reinhören mag, hat auf der Website von Wolfgang Buck Gelegenheit dazu.

Ich steck jetzt wieder die CD in den Plattenspieler 😉

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Für ein friedliches Miteinander

Ich habe lange überlegt, ob ich Sie / Euch, liebe Leserinnen und Leser, an einer Kurzgeschichte teilhaben lassen soll, die ich vor gut 20 Jahren geschrieben habe. Aufgewühlt durch fremdenfeindliche Gewalttaten in unserem Land, habe ich damals einen Teil meiner Gefühle und meiner Ohnmacht in eine Geschichte gepackt.

“Wenn Hass entsteht, wird nichts besser, aber alles schlimmer. Hass darf als Mittel der Konfliktlösung niemals geduldet sein!” – Joachim Gauck hat das gesagt, so lese ich im Tagesspiegel [http://www.tagesspiegel.de/politik/rostock-lichtenhagen-fremdenfeindlichkeit-in-der-mitte-der-gesellschaft/7056834-2.html] und es stimmt.

Weil es stimmt, und weil mich die Geschehnisse immer noch berühren, teile ich heute die kleine Geschichte mit Ihnen / Euch. Gewalt darf keine Lösung sein, selbst wenn uns das Andersartige noch so fremd und unverständlich erscheint. Wir wollen alle ohne Angst leben und dieses Recht auch unseren Nachbarn zugestehen. Ein friedliches Miteinander ist mir wichtig, und dafür setze ich mich ein. Jeden Tag.

Wer sensibel auf Gewaltschilderungen reagiert, lese bitte sehr vorsichtig.

1992 entstand diese kleine Geschichte:
Der rote Schnee

Weiß. Alles weiß. Staunend stand er in der klirrenden Kälte, im Schnee. Es war neu für ihn,
dieses weiße kalte Etwas. Es war einfach da, über Nacht gekommen, still und heimlich.
Schwarz zeichneten sich die Silhouetten der kahlen Bäume ab, schwarz, so wie er.
Erst wenige Tage war er hier, hatte Schutz gesucht, Schutz vor den Greueltaten, denen er in
seiner Heimat ausgesetzt war. Er wußte, hier war er sicher.
Noch immer staunend über diese weiße Welt schaute er sich um.
Da sah er sie.
Eine Gruppe Menschen, die langsam näher kamen. Sie hatten Knüppel dabei.
Er schüttelte den Kopf, kniff die Augen zu, öffnete sie wieder. Wenn er nur diese
schrecklichen Tagträume abschalten könnte, die ihn an zuhause erinnerten.
Die Gestalten kamen auf ihn zu, immer näher. Es waren Weiße. Einer schrie etwas. Er
verstand den Sinn der Worte nicht, doch plötzlich wurde ihm kalt.
Es war kein Traum.
Er spürte die Kälte, die vom weißen Schnee kam; und er spürte den Haß, der von den
Weißen ausging. Ausging von denen, bei denen er sich sicher fühlen wollte.
Immer näher kamen sie, schwangen drohend ihre Knüppel.
Er begann zu laufen, weg, nur weg, schnell weg. Er rannte. Jetzt rannten auch sie, jagten
ihn, hetzten ihn wie ein Tier. Schrien und johlten, kamen näher und näher.
Er keuchte, stolperte, fing sich wieder, lief um sein Leben wie schon so oft.
Er hatte Angst.
Wagte nicht, sich umzudrehen. Wußte nicht, wohin er lief. Wollte fliehen.
Wußte nicht, warum sie ihn jagten. Im Land der Sicherheit.
Nun waren sie ganz nah. Er hörte sie atmen, spürte förmlich ihre Schreie.
Er rutschte aus, fiel. fiel in den weißen Schnee, schlug auf dem schneebedeckten Boden auf.
Hörte ihr Triumphgeheul wie Sirenen.
Aufstehen, weg, nur weg von hier, dachte er.
Da waren sie über ihm. Fassungslos starrte er sie an.
Von unten die Kälte des weißen Schnees, von oben der Haß der weißen Knüppelträger. Er
wollte schreien, bitten, betteln, doch kein Laut kam über seine Lippen.
Da kamen sie, die Schläge, die brutalen Schläge, denen er hatte entfliehen wollen. Tritte,
Schmerzen, er krümmte sich, seine Augen flehten.
Blut tropfte von seinem Kopf, seinen Lippen, hinein in den Schnee, färbte ihn.
Der weiße, unschuldige Schnee wurde rot, rot von seinem Blut.
Endlich ließen sie von ihm ab, verschwanden.
Kälte, Schmerz. Sein Körper ein einziger Schmerz. Blut.
Und der Schnee fiel.
Er erhob sich mühsam auf die Knie.
Schmerzen.
Um ihn der Schnee. Der rote Schnee.
Er kroch auf allen Vieren, ein einsamer schwarzer Fleck vor den kahlen schwarzen Bäumen.
Glocken läuteten in der Ferne, läuteten den Weihnachtsmorgen ein.
Der weiße Schnee hatte seine Unschuld verloren. Er war rot geworden.

Der Schnee war rot.

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Eine Frage der Perspektive

Vor etwa anderthalb Jahren haben wir ein altes Haus gekauft. Es wurde irgendwann um 1780 erbaut, als Fachwerkhaus, wie das in dieser Zeit und in dieser Region so üblich war. In den 1950er Jahren wurde im Erdgeschoss ein Teil des Fachwerks durch Mauerwerk ersetzt, der Großteil des Hauses ist jedoch nach wie vor Fachwerk.
Eine grundlegende Sanierung war nötig, und so arbeiten wir nun schon seit vielen Monaten daran, das Haus wieder in einen bewohnbaren Zustand zu bringen. Von außen sieht es inzwischen auch schon fast fertig aus, es fehlen nur noch die Fensterläden.
Drinnen ist es noch eine große Baustelle. Zum Beispiel besteht unser Bad im Moment aus einem Waschbecken, einem Heizkörper, einem WC und einem Quadratmeter Fliesen ums WC. Wo die Dusche sein wird, kann man schon sehen, aber sie ist eben noch nicht da, und die Fliesenlegerei ist noch lange nicht beendet.

Vor kurzem hatten wir Besuch. Einer der Gäste, nennen wir ihn Lukas, ist 5 Jahre alt. Lukas begutachtete alles und fragte dann: “Sag mal, Mama, warum machen die eigentlich das schöne Haus innen drin so kaputt?”

Im ersten Moment Stirnrunzeln auf Seiten der Erwachsenen, doch dann entspann sich eine interessante Diskussion darüber, wie viel Wahrheit in Lukas’ Frage steckt, und wer überhaupt bestimmt, was die Wahrheit ist, die wir sehen, oder was wir für die Wahrheit halten.

Die Welt ist nicht immer so, wie sie scheint. Manchmal lohnt sich ein Perspektivenwechsel – vielleicht lasst Ihr Euch / lassen Sie sich einfach mal von Lukas inspirieren, liebe Leserinnen und Leser 🙂

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ohne titel

es muß
nicht immer
der donnerknall
zu hören sein

wenn man sich
verliebt

manchmal
genügt
ein regentropfen

auf einem
blütenblatt

(2001)

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Schluckauf

Meine Oma
(eine weise Frau)
Hat immer gesagt
(vielleicht nicht immer, aber doch sehr häufig)
Kind,
Wenn Du
Schluckauf hast
Denkt jemand
An Dich.

So gesehen
(wenn das also wahr sein sollte)
Müsstest Du
Die ganze Zeit
Schluckauf haben.

(2001)

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Der Regenschirm

„Man müßte einfach viel öfter miteinander reden. Geht es Ihnen nicht auch so? Manchmal gibt es Tage, da schießen einem die Gedanken geradezu spruchreif durch den Kopf, und wenn man dann Zeit hätte, sie mit jemandem zu teilen, sind sie weg. Ich glaube, wenn man sich häufiger trauen würde, Gedanken auszutauschen, würde man die nicht mehr so leicht vergessen, die man hat, wenn man gerade nicht spricht. Verstehen Sie, was ich meine? Warum sprechen die Menschen? Und warum schießen diese Talkshows wie die Pilze aus dem Boden? Und schon bin ich da, wo ich eigentlich nicht hin wollte, nämlich bei unbeabsichtigten, aber vielleicht auch unvermeidbaren Wortwiederholungen. Die Gedanken schießen einem durch den Kopf, die Pilze schießen aus dem Boden. Überhaupt wird auf dieser Welt zuviel geschossen, finden Sie nicht auch? Sie müssen schon entschuldigen, daß ich so über Sie herfalle, aber da, wo ich war, hat man normalerweise nicht soviel Verständnis für das, was gesagt werden muß. Sie meinen, das sei überall so? Vielleicht haben Sie recht. Ist es Ihnen denn auch schon so gegangen? Therapeuten zum Beispiel heucheln Verständnis, denn das gehört nun einmal zu ihrem Beruf. Ich kenne ein paar, Therapeuten meine ich, wissen Sie, man trifft sich so in gesellschaftlichem Rahmen. Es muß ja immer mehr dieser Leute geben, weil es so viele arme Menschen gibt, Sie wissen schon, die mit dem Leben nicht mehr klar kommen. Das ging mir auch einmal so, das gebe ich offen zu, vielleicht haben Sie es auch schon bemerkt. Aber das ist heute keine Schande mehr, finde ich. Viele meiner Leidensgenossen – ich verwende diesen Ausdruck, obwohl ich mich selbst nicht als leidend ansehe. Das waren die anderen, die mich zu dem machten, was ich heute bin. Wo war ich stehengeblieben? Ach, natürlich, bei meinen Leidensgenossen, den sogenannten. Nun, mit diesen kann ich manchmal durchaus Gespräche in der Art führen, wie ich das gerne tue, Sie wissen schon, ein wenig Philosophie, das heißt das, was ich dafür halte, ein wenig Lebensweisheiten, obwohl mir meine Großmutter immer sagte, weise würde ich nie sein, nicht einmal durch das Leben, denn wenn ich so ein böses Mädchen bliebe, würde ich niemals so alt werden wie sie. Nun, nachdem man die Todesstrafe abgeschafft hat, hat meine Großmutter nicht recht behalten, aber das konnte sie ja nicht wissen, daß ich es soweit bringen würde. Ich meine, das wußte ich auch nicht, und ich habe es auch nicht darauf angelegt, wie der Staatsanwalt den Geschworenen glauben machen wollte. Es ist einfach so passiert, und manchmal glaube ich, es war besser so. Nun, aufgrund verschiedener Umstände, ich denke, das hängt mit unserem Sozialstaat zusammen, bin ich nach dem Urteil erst einmal in dieser netten Klinik gelandet, weil sie glaubten, ich könnte mich bessern. Vielleicht hätten sie recht gehabt. In einer Welt, die mit meinen Maßstäben messen würde, hätten sie recht haben können. Aber es gibt wohl nicht viele Leute, die meine Ansichten teilen. Auch Sie, das muß ich zu meinem Bedauern sagen, haben nicht dazu gehört, und nun können Sie sehen, wozu das geführt hat. Da liegen Sie nun vor mir, mein Regenschirm steckt noch in Ihrer Brust und ich bin mir ziemlich sicher, daß Sie sich nicht darüber im Klaren sind, warum Sie mir heute begegnen durften und warum ich wieder einen Rückfall hatte, wie das meine Freunde, die Therapeuten nennen würden. Nun, wie dem auch sei, Sie sollten wissen, daß man als junges Mädchen in Ihrem Alter nicht so herumlaufen sollte, so, wie Sie aussehen. Nein, ich meine jetzt nicht den Regenschirm in Ihrer Brust, wobei ich fast ein bißchen stolz darauf bin, daß dieser rote Regenschirm so gut zu Ihrer knallgrünen Jacke paßt. Ja, ich suche mir meine Opfer schon ein bißchen stilvoll aus. Nein, Opfer ist kein schönes Wort, da haben Sie recht, aber wissen Sie, es ist nun wirklich nicht möglich, in dieser Zeit des Jahres mit einer grünen Jacke herumzulaufen. Es ist nicht die Farbe, nein, wirklich nicht. Ich meine, es ist nicht die Farbe der Jahreszeit, natürlich war die Farbe der Jacke schuld an Ihrem Unglück. Ach, was rede ich da, schuldig oder nicht schuldig, darum geht es nicht mehr. Darum kann es schon lange nicht mehr gehen. Und Unglück, was ist schon Unglück? Glauben Sie an eine geheime Schicksalsmacht? Da, wo Sie jetzt sind, bekommen Sie vielleicht die Antwort auf Ihre Fragen. Aber wer gibt mir Antworten? Früher dachte ich immer, ich könnte die Antworten von Leuten wie Ihnen bekommen. Aber leider waren sie immer so schweigsam, nachdem sie mir begegnet waren. Das muß an meinem Regenschirm liegen. Der kennt meine Stimmungen ganz genau, und wenn er merkt, daß mir etwas nicht in mein Weltbild paßt, dann macht er sich selbständig. Natürlich ist das nicht so, mein, mein ist die Hand, die ihn führt, und ich bin sehr froh, daß mir meine Therapeuten erzählt haben, daß es so ist. Denn wissen Sie, es kann einen schon verrückt machen, wenn man denkt, man hätte einen mordenden Regenschirm, und am Ende würde er einen im Schlaf erdolchen. Aber wenn man sich dann sicher sein kann, daß man es steuern kann, findet man unheimlichen Gefallen an Leichen. An frischen Leichen natürlich. Wie, Sie finden das unheimlich? Oh, meine Therapeuten fanden das auch, und als diese gute Frau im Blümchenkleid meinte, sie müsse mir zur Therapie meinen roten Freund mit der Metallspitze mitbringen, freute ich mich sehr, aber sie konnte meine Freude nicht teilen. Sie schaffte es nicht mehr, den Knopf zu drücken, und nachdem ich rote Flecken auf ihr Kleid gemacht hatte – ich bin nicht schuld an den Flecken, wäre ich an der Schöpfung beteiligt gewesen, hätte ich das Blut mancher Leute durchsichtig gemacht, denn auf Blümchenkleidern sieht das immer so unordentlich aus – sprang ich aus dem Fenster und verließ den Park, der die Klinik umgibt. Und nun bin ich wieder in einem Park, und schön ist es hier. Sie, meine Liebe, waren auch einmal schön, bevor der Tod seine Fratze in Ihrem Gesicht zurückließ. Und bevor ich nicht weiß, ob der Tod auch schöne Gesichter machen kann, kann ich leider nicht ablassen von meinem Freund, dem Regenschirm. Das verstehen Sie doch, nicht wahr? Nein? Oh, ich merke, ich kann Ihnen das nicht weiter erklären, denn ich höre sie kommen. Soll ich den Schirm stecken lassen und mir bei Gelegenheit einen neuen besorgen? Ach nein, meine Verfolger wissen Stil eh nicht zu schätzen, und so nehme ich ihn eben mit. Schade, daß Sie nicht mehr sehen können, wie hübsch Sie waren mit dem roten Schirm in Ihrer grünen Jacke. Aber es war nicht anders zu machen.

Die Welt ist schlecht, nicht wahr? Mörder und Strauchdiebe überall, man kann seines Lebens nicht mehr sicher sein. Oh ja, auch ich habe mich schon einmal verfolgt gefühlt, eben, im Park. Gefährliche Gegend, meinen Sie? Oh, das werde ich mir merken. Was tragen Sie eigentlich für einen Mantel? Finden Sie diese Farbe überhaupt passend für die Jahreszeit?”

(1997)

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