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12.11.1989 – Grenzöffnung ganz persönlich

In diesen Tagen erinnern sich viele Menschen an den 9. November 1989. Damals, als “sofort, unverzüglich” zu geöffneten Türen und Toren führte und Begegnungen möglich wurden, was viele zwar erträumt, aber nur wenige ernsthaft zu hoffen gewagt hatten.

Wir wohnten damals etwa 80km südlich der Grenze zu Thüringen. Meine Großmutter war vor kurzem zu uns gezogen. Vorher hatte sie viele Jahre in einem Dorf direkt an der Grenze gewohnt. Wenige Meter hinter den letzten Häusern begann das, was die Erwachsenen Niemandsland nannten und die Orte, die wir als Kinder unter strengster Strafandrohung nie betreten durften. Die Grenze war allgegenwärtig. Unsere älteren Verwandten aus Thüringen lernten wir kennen, als sie alt genug waren, um “in den Westen” reisen zu dürfen (als wir noch in München wohnten, war dieser Westen ja eher der Süden, aber wir waren halt die Westverwandtschaft). Da ich als Kind ziemlich vorlaut war (und es teilweise heute noch bin), durfte ich nie mit meiner Oma mitfahren, wenn sie nach Kahla oder Jena fuhr. Denn meine Mutter hatte Angst, ich würde etwas Falsches sagen und es gäbe Probleme.

Meine Oma war eine Meisterin im Paketversand. Sie hatte alle Paketmarken aufgehoben und konnte damit problemlos unseren großen Esstisch bedecken. Im Gegenzug bekam ich immer wieder Noten aus dem Peters-Verlag in Leipzig, und ich weiß nicht, was unsere Verwandten so alles in die Wege geleitet haben, um mir immer wieder etwas zukommen zu lassen. Die Noten habe ich heute noch und halte sie in Ehren.

Jedenfalls kam der 9. November, dann der 10. Am 11. November arbeitete ich für ein paar Stunden in einer Bäckereifiliale in Autobahnnähe und erinnere mich gut an den Ansturm der Kunden, die alle der Sprache nach nicht aus Franken kamen.

Und dann war Sonntag. Und plötzlich klingelte es an der Tür. Draußen eine Frau, die ich nicht kannte. Ob die Tante Else da sei, fragte sie. Meine Oma. Ja, natürlich.

Und plötzlich ein Freudenschrei der Oma, und von Tina, die ich ja doch kannte, wenn auch nur aus den Briefen, die sie an Oma schrieb. Und sie war nicht alleine, sondern brachte alle mit, die ins Auto gepasst hatten. Es war nicht der letzte Besuch in diesen Tagen. Alle kamen sie, und wir konnten es irgendwie gar nicht fassen, dass wir uns einfach so sehen und besuchen konnten.

Die Grenzöffnung war für uns Wirklichkeit geworden, ganz greifbar und ganz persönlich, und ich bin heute immer noch dankbar, dass ich das erleben durfte und dass ich diese schönen Erinnerungen daran habe.

So viele tolle Menschen habe ich seither kennen lernen dürfen und nie wieder möchte ich solche Mauern zwischen Ländern haben – egal, ob wir nun eine Sprache sprechen oder nicht. Mauern und Zäune in den Köpfen sind bei manchen immer noch da, oder schon wieder. Das betrübt mich, und ich hoffe, wir schaffen es im direkten Austausch weiterhin, uns näherzukommen und zu merken, dass Menschen einfach Menschen sind und dass das gut so ist, egal, wo jemand geboren wurde.

 

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Lametta

“Früher war mehr Lametta”, sagte Opa Hoppenstedt in der unvergesslichen Weihnachtsszene.

Ich erinnere mich an Lametta am Christbaum bei meinen Großeltern im Frankenwald. Zuhause bei uns gab es jedoch kein Lametta. Irgendwann erfuhr ich auch, warum.

Die Geschichte geht so: meine Eltern waren frisch verheiratet. Mein Vater hatte an Heiligabend frei, meine Mutter musste, da im Einzelhandel tätig, bis 14 Uhr arbeiten. Sie gab meinem Vater den Auftrag, den Baum zu schmücken. Da sie es von zuhause kannte, wollte sie auch Lametta am Baum haben. Ihre Vorstellung war, dass sie nach der Arbeit nach Hause käme und der Baum wäre fertig.

Doch sie hatte nicht mit meinem Vater gerechnet. Der hatte, korrekt wie immer, das Lametta nicht einfach irgendwie auf die Zweige geworfen. Weit gefehlt. Als meine Mutter das Wohnzimmer betrat, war gerade mal die Hälfte des Baumes geschmückt, weil mein Vater jeden einzelnen Lamettastreifen genau passend aufhängte, so dass sich eine klare Linie ergab. Dass das dauerte, ist klar.

Jedenfalls hat sich meine Mutter darüber wohl so geärgert, dass fürderhin auf Lametta verzichtet wurde. Bis heute gibt es bei meinen Eltern am Christbaum entweder Kugeln oder  Holzschmuck, und das schon seit über 40 Jahren.

Und bei mir? Wir haben Strohsterne und Filzanhänger. Elche und Rentiere. Und kleine Vögelchen. Und bisher keinen Streit über die Art und Weise des Schmückens. Das einzige Luxusproblem, das wir haben, ist, dass wir inzwischen mehr Baumschmuck besitzen als wir an den kleinen Christbaum hängen können. Aber dieses Problem lässt sich ganz entspannt ignorieren.

Frohe Adventszeit!

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